Ganz Deutschland stöhnt wegen der hohen Benzinpreise, die gestern im Schnitt bei 1,54 Euro pro Liter lagen. Dennoch gibt es eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern, die der Schock an der Zapfsäule völlig kalt lässt: die Radfahrer. Auffallend viele muskelbetriebene Fahrzeuge sind in diesen Tagen auf Deutschlands Straßen zu sehen. Doch nach Einschätzung von Norbert Sanden, dem Landesgeschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), hat das weniger mit den Benzinpreisen, sondern mehr mit einem allgemeinen Trend zu tun: «Seit Jahren steigt der Radverkehrsanteil in Deutschland kontinuierlich.» Im Herbst werden neue Zahlen veröffentlicht, die diesen Eindruck untermauern.
Für Sanden sind die Benzinpreise nur ein Grund unter vielen, warum man vom Auto aufs Fahrrad umsteigen sollte. Für ihn zählen andere Argumente mehr: Bewegung an der frischen Luft zum Beispiel, oder auch die Schnelligkeit. Von Bockenheim ins Nordend sei selbst die U-Bahn langsamer. Ohnehin seien in der Stadt die meisten Wege kürzer als fünf Kilometer und könnten somit gut mit dem Fahrrad zurückgelegt werden.
Der ADFC betreut zusammen mit dem Planungsverband das Projekt «Bike + Business», mit dem die Fahrt zur Arbeit mit dem Rad gefördert werden soll. Zahlreiche Unternehmen und Behörden machen mit, unter anderem die Stadt Frankfurt und die Bundesbank. Sandens Erkenntnis aus vielen Beratungsgesprächen: Entscheidend für einen hohen Radverkehrsanteil sind bequeme Wege mit wenig Autoverkehr sowie sichere Abstellmöglichkeiten. «In Frankfurt hat sich hier schon viel getan», meint er. Doch es gebe noch einigen Nachholbedarf. Sanden sei deshalb froh, dass die Stadt voraussichtlich im Herbst ein Fahrradbüro einrichten werde, das die Aktivitäten zum Radverkehr koordinieren soll. Damit werde eine alte ADFC-Forderung erfüllt, sagte der Geschäftsführer. Verbessert werden müsse unter anderem die Öffentlichkeitsarbeit und die Beschilderung. Denn es gebe mittlerweile zwar attraktive Radrouten, die aber nicht ausreichend bekannt seien.
Nicht nur die Zahl, sondern auch die Zusammensetzung der Radfahrer habe sich in den vergangenen Jahren geändert. Nicht selten sehe man heute auch Banker im Anzug auf dem Sattel sitzen, hat Sanden beobachtet. «Das Fahrrad ist schon lange nicht mehr das Verkehrsmittel der Armen.» Dementsprechend werden bei den Händlern nicht unbedingt die billigsten Modelle nachgefragt. «Der Trend geht zu besserer Qualität», lautet die Erfahrung von Andreas Storck, der einen Laden in Rödelheim hat. Nach Ansicht von Janice Tyrer (Radschlag im Nordend) ist ein gutes, stabiles Rad auch nötig, wenn man täglich damit fahren und das Auto ersetzen will. Sie rät Umsteigewilligen davon ab, den alten Drahtesel aus den 80er Jahren aus dem Keller zu holen. «Damit wird man keine Freude haben.» Moderne Fahrräder wie Mountainbikes oder seien wesentlich komfortabler, zum Beispiel bei Bremsen und Beleuchtung.
Dennoch werden derzeit viele ältere Fahrräder zur Reparatur gebracht. Nach einem Tag könne der Kunde das Fahrrad in der Regel wieder abholen. «Für viele ist das wichtig, weil für sie das Fahrrad das tägliche Verkehrsmittel ist.»
Die Werkstätten sind gut ausgelastet, was die Inhaber auch auf das fahrradfreundliche Wetter der vergangenen Wochen zurückführen. Bei Radschlag müssen viele Kunden die ihr Damenfahrrad oder Herrenfahrrad vorbeibringen abgewiesen werden. Auch die Nachfrage nach neuen Rädern ist laut Günter Müsse leicht gestiegen. Doch die Händler sehen Gewitterwolken am Horizont: Im nächsten Jahr sollen Fahrräder um zehn Prozent teurer werden, unter anderem wegen der steigenden Rohstoffpreise. Janice Tyrer hat schon vor mehr als zehn Jahren gefordert, für Fahrräder und Reparaturen nur den ermäßigten Mehrwertsteuer-Satz von sieben Prozent zu verlangen. Jetzt schöpft sie neue Hoffnung, dass ihr Vorschlag Wirklichkeit wird. EU-Steuerkommissar Lászlo Kovács hat sich in der vergangenen Woche nämlich für eine ermäßigte Steuer auf umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen ausgesprochen. Der Vorteil des Fahrrads gegenüber spritfressenden Autos würde damit noch größer.